Created: 28 Apr 2025 Last updated: 15 Nov 2025

Kultureller Kapitalismus

Laut Andreas Reckwitz beschreibt der Kulturelle Kapitalismus (oder Kognitiv-Kulturelle Kapitalismus) einen fundamentalen Strukturwandel der spätmodernen Gesellschaft, der die Ablösung des industriellen Kapitalismus durch eine neue Wirtschaftsform kennzeichnet, die von der Logik der “Singularisierung” und “Kulturalisierung” geprägt ist.

  • Kerngedanken
    • Industrieller Kapitalismus des 20. Jahrhunderts (siehe: Industrielle Revolution) war von Standardisierung, Verallgemeinerung und Produktion von Massengütern geprägt
    • Kultureller Kapitalismus setzt hingegen auf das Einzigartige und Authentische:
      • Zielt auf Produktion von ideellen und kulturalisierten Gütern ab, die das Individuum ansprechen (siehe: Individualismus)
      • Lebt vom Alltags-Hedonismus und der Selbstdarstellung (z.B. durch Social Media) – Individuen werden dazu angetrieben, sich als einzigartige Subjekte zu inszenieren und zu optimieren; Prozess der Subjektivierung (siehe auch: Selbstverbesserungssucht)
      • Geprägt von sozialer Polarisierung; Neue Mittelklasse (kognitiv-kulturelle Klasse), die in Metropolen ansässig ist, über hohes Bildungskapital verfügt und die Logik der Singularisierung verinnerlicht hat – vs. traditionelle Mittelklasse, die oft im ländlichen Raum verwurzelt ist und weiterhin den Werten der Disziplin und Verallgemeinerung anhängt, Arbeit der Geringqualifizierten wird im Kulturellen Kapitalismus weniger anerkannt
  • Implikationen
    • Enormer Erwartungsdruck (siehe: Überforderung durch Selbstansprüche)
    • Was sichert in einer “Gesellschaft der Singularitäten” noch den sozialen Zusammenhalt? → Kultur zunehmend fragmentiert
    • Der alte Gegensatz zwischen Ökonomie und Kunst/Kreativität verschwindet, nach dem Motto: “Sei kreativ, aber verkäuflich”
    • Kreativität wird zu einer zentralen Wirtschaftsressource, aber gleichzeitig in die Logik der Verwertbarkeit eingebunden und droht so, ihre ursprüngliche “gegenkulturelle” Dimension zu verlieren